Maligne Tumore der oberen Luft- und Speisewege stehen an 6. Stelle der Häufigkeit aller Krebserkrankungen. Hierbei handelt es sich histologisch zu über 90% um Plattenepithelkarzinome. Das biologische Verhalten dieser Tumorentität zeigt trotz der grundsätzlich ähnlichen Morphologie eine Abhängigkeit von dem Sitz des Primärtumors. Die 5-Jahres-Überlebensrate von im Bereich der Glottis lokalisierten Tumoren wird abhängig vom Tumorstadium mit 65-100% angegeben, gegenüber 15-60% bei einem im Oropharynx lokalisierten Karzinom. Die Mortalität wird für 1990 mit ungefähr 5% bei der männlichen und etwa 1% bei der weiblichen deutschen Bevölkerung angegeben [6]. Bei unveränderten Daten zu Larynxkarzinomen ist im Vergleich zu 1985 geschlechtsunabhängig sowohl die Inzidenz als auch die Mortalität an Pharynxkarzinomen angestiegen. Für Pharynxkarzinome liegt der Altersgipfel im 7. Lebensjahrzehnt, für Mundhöhlen- und Kehlkopfkarzinome im 6. Lebensjahrzehnt. Als hoch signifikante ätiologische Faktoren gelten Tabak- und Alkoholabusus.
Es gelingt bei der Mehrzahl der Patienten mit Karzinomen der oberen Luft- und Speisewege, den Primärtumor durch chirurgische Maßnahmen vollständig oder hinsichtlich bestimmter Tumorlokalisationen durch eine Strahlentherapie zu entfernen. Die vielfach schlechte Prognose eines Teils dieser Patienten basiert zum einen auf der hohen lymphogenen Metastasierungsfrequenz von Plattenepithelkarzinomen dieser Region, zum anderen auf der möglichen und vorwiegend erst im späteren Krankheitsverlauf auftretenden Fernmetastasierung und schließlich auf dem Auftreten von Zweitkarzinomen im Bereich des oberen Aerodigestivtraktes. Die immense prognostische Bedeutung einer lymphogenen Metastasierung wird an der z.T. drastischen Reduktion der 5-Jahres-Überlebensrate bei Vorliegen histologisch gesicherter Halslymphknotenmetastasen deutlich [51].
Vor diesem Hintergrund befassen wir uns in der Marburger Universitäts-HNO-Klinik im onkologischen Schwerpunkt mit experimentellen und klinischen Untersuchungen zu verschiedenen Fragestellungen um die lymphogene Metastasierung von Kopf-Hals-Karzinomen.
Präoperative Diagnostik von Halslymphknotenmetastasen
Zu den möglichen bildgebenden Diagnostikverfahren einer lymphogenen Metastasierung gehören vor allem B-Bild-Sonographie, ergänzt durch eine feinnadelpunktionszytologische Untersuchung sowie Magnetresonanz- und Computertomographie. Bezüglich der Sensitivität und Spezifität der Magnetresonanz- und Computertomographie liegen deutlich variierende Aussagen für beide Nachweisverfahren von 29-100% für die Magnetresonanztomographie [26] und 12-100% für die Computertomographie [18,26] vor. Generell kann davon ausgegangen werden, daß 40-60% aller okkulter Metastasen mit einer der beiden Nachweismethoden identifiziert werden können [43]. In vergleichenden Studien konnte gezeigt werden, daß die für diesen diagnostischen Zweck ebenfalls eingestzten Positronemissionstomographie allein keinen wesentlichen Vorteil gegenüber einer CT oder MRT-Untersuchung bietet [Zusammenstellung bei 43], jedoch wurden vielversprechende Ergebnisse bei Kombination mittels immunhistochemischer Antikörper berichtet [11,31]. Nach wie vor gilt die B-Bild-Sonographie, ergänzt durch eine ultrasonographisch geführte Punktionszytologie, mit einer Sensitivität von 73% und einer Spezifität von 100% als das derzeit aussagekräftigste prätherapeutische Diagnostikverfahren von Lymphknotenmetastasen im Kopf-Hals-Bereich [3,44,45]. Zusätzlich durchgeführte lymphszintigraphische Diagnoseverfahren können zum Nachweis der lymphogenen Hauptabflußrichtung eines Primärtumors hilfreich sein [22].
Nomenklatur der Lymphknoten des Kopf-Hals-Bereiches
Vor dem Hintergrund der hohen lymphogenen Metastasierungsfrequenz von Plattenepithelkarzinomen der oberen Luft- und Speisewege erklären sich intensive Bemühungen, bisherige Behandlungskonzepte des regionären Lymphabflusses hinsichtlich der erzielten Ergebnisse zu analysieren. Hierbei wird rasch offensichtlich, daß es derzeit noch keinen einheitlichen Stand der Versorgung des Lymphabflusses maligner Kopf-Hals-Tumore gibt. Der sog. aktuelle Stand ist von zahlreichen Fragen und ganz besonders auch Unsicherheiten geprägt [52].
Der Lymphabfluß des Kopf-Hals-Bereiches erfolgt über etwa 300 Lymphknoten des Halses [54]. Untersuchungen zum Lymphabfluß der oberen Luft- und Speisewege [33] zeigten, daß dieser entlang relativ konstanter und vorhersagbarer Richtungen und Lymphknotengruppen erfolgt. Die erste fundierte Nomenklatur der Lymphknoten geht auf die Arbeiten von Rouviere aus dem Jahre 1932 zurück [33]. Die von Lindberg [25] an 2044 Patienten vorgenommen Auswertung zur lymphogenen Metastasierungsfrequenz- und richtung führte zu einer klinisch praktikableren Systematik, die 9 Halslymphknotengruppen unterschied. Im weiteren zeitlichen Verlauf erarbeiteten Kopf-Hals-Chirurgen des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York eine Halslymphknotenklassifikation, bei der 5 sog. Level unterschieden wurden, die bevorzugte Metastasierungsregionen von Karzinomen der oberen Luft- und Speisewege darstellen [37]. Der Begriff Level sollte dabei besser durch die Bezeichnung Region ersetzt werden [9,28], da Level bereits mit der Eindringtiefe von Tumoren assoziiert ist. Auf der Nomenklatur des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center basierend entstand 1991 die Halslymphknotenklassifikation der American Academy of Otolaryngology - Head and Neck Surgery [29]. Hiernach sind die bereits 5 erwähnten Regionen durch klinische und chirurgische Zuordnungen untergliedert. Es wurde eine sechste Region hinzugefügt, die das sog. vordere Kompartiment beinhaltet. Weiterhin von klinischer Bedeutung sind die retropharyngealen Lymphknoten als bevorzugte Metastasierungsrichtung nasopharyngealer und oropharyngealer Karzinome. Sie werden in eine laterale und in eine mediale Gruppe untergliedert. Die in der Nähe der Schädelbasis gelegene laterale Lymphknotengruppe ist der Arteria carotis interna benachbart. Die mediale Gruppe ist weiter kaudal nahe der pharyngealen Muskulatur lokalisiert [Literatur bei 54]
Die Region I (blau) wird begrenzt von dem Körper der Mandibula, dem vorderen Bauch des kontralateralen M. digastricus sowie dem vorderen und hinteren Bauch des ipsilateralen M. digastricus. Die Regionen der tiefen jugulären Halslymphknoten (Regionen II-IV) sind rot dargestellt. Region II (cranial) reicht von der Schädelbasis bis zur Karotisbifurkation (chirurgische Landmarke). Nach dorsal wird sie begrenzt durch die Hinterkante und nach ventral durch die laterale Grenze des M. sternocleidomastoideus. Region III (medial) reicht von der Karotisbifurkation bis zur Kreuzung des M. omohyoideus mit der V. jugularis interna (chirurgische Landmarke). Region IV (kaudal) reicht von der Kreuzung des M. omohyoideus mit der V. jugularis interna bis zur Klavikula. Die dorsalen und ventralen Begrenzungen der Regionen III und IV entsprechen denjenigen der Region II. Region V (gelb) beinhaltet alle Lymphknoten des sog. posterioren Dreiecks. Die Begrenzungen werden nach hinten gebildet durch die Vorderkante des M. trapezius, nach vorne durch die Hinterkante des M. sternocleidomastoideus und nach kaudal durch die Klavikula. Region VI (grün) reicht von der Höhe des Zungenbeines bis zum Jugulum. Die laterale Begrenzung ist beidseits medial der A. carotis lokalisiert.
Richtung und Häufigkeit der lymphogenen Metastasierung
Die bereits zuvor erwähnten Gesetzmäßigkeiten zur bevorzugten Metastasierungsrichtung eines Plattenepithelkarzinoms erfolgen im Kopf-Hals-Bereich in Abhängigkeit von der Primärtumorlokalisation [25]. Die morphologische Grundlage hierfür bilden zum einen unterschiedliche Dichte- und Verteilungsmuster der Lymphbahnen im Primätumorgebiet [19,53,54] und zum anderen verschiedene Aspekte zur lymphogenen Invasion von Tumorzellen [12].
Karzinome der Nasenhaupthöhle und der Nasennebenhöhlen machen einen Anteil von nur 5% an allen Malignomen des Kopf-Hals-Bereiches aus [5,41]. Sie metastasieren initial am häufigsten in die Region I, in die retropharyngealen und parotidealen Lymphknoten sowie in die Lymphknoten der Region II. Plattenepithelkarzinome bilden mit ca. 60% die größte Gruppe der sinunasalen Karzinome. Die lymphogene Metastasierungsrate wird mit etwa 10% angegeben. Sie steigt mit Infiltration der Columella, der Oberlippe und des Nasenbodens. Die mit 10% zweitgrößte Gruppe der anaplastischen Karzinome zeichnet sich durch eine frühe lymphogene Metastasierung aus. Die lymphogene Metastasierungsrate von Plattenepithelkarzinomen der Nasennebenhöhle wird mit 10% angegeben [51]. Sie steigt bei Infiltration der Columella, des Nasenbodens und der Oberlippe [5]. Die im Rahmen einer Literaturauswertung [14] augenfällige Diskrepanz bezüglich des Metastasierungsrisikos von Nasenhaupt- und Nasennebenhöhlenkarzinomen mit Extremwerten von 13-89% wird damit erkärt, daß einerseits kleine Geschwülste wegen des in diesem Organbereich nur spärlich ausgebildeteten Lymphgefäßnetzes selten zu regionalen Absiedlungen führen, andererseits aber gerade die Karzinome der Nasennebenhöhlen überwiegend erst dann diagnostiziert werden, wenn sie weit fortgeschritten sind und die Organgrenzen bereits überschritten haben [51].
Lippenkarzinome betreffen in 95% die Unterlippe mit einer insgesamt geringen lymphogenen Metastasierungsfrequenz. Die Oberlippe ist nur in 5% der Fälle betroffen. Da sich bei 50% der Oberlippenkarzinome im Krankheitsverlauf Lymphknotenmetastasen entwickeln, ist das Vorhandensein okkulter Metastasen in den Therapieplan des Oberlippenkarzinomes einzubeziehen [36]. Die Lymphe der Oberlippe fließt vorwiegend zu den Lymphknoten der Region I und zusätzlich in die Lymphknoten im Bereich der Gl. parotis ab [51].
Nach den Lippenkarzinomen sind die Plattenepithelkarzinome der mobilen vorderen Zweidrittel der Zunge die häufigsten Mundhöhlenkarzinome. 75% aller Zungenkarzinome kommen in diesem Abschnitt vor. Mundhöhlenkarzinome drainieren überwiegend in die Lymphknoten der Region I, vom Zungenrand und hinteren Zungenkörper zusätzlich in die Lymphknoten der Halslymphknotenregion II [51].
Die physiologische Lymphdrainage des Nasenrachens verläuft vom Nasendach zunächst in dorsolateraler, dann in dorsolaterokaudaler Richtung [21]. Es gibt weiterhin einen parallel zur hinteren Mittellinie gerichteten Lymphabfluß, wonach die Lymphe vom Dach und von der Nasenrachenhinterwand über 8-12 Kollektoren parallel zur Mittellinie abfließt [33]. Die Kollektoren ziehen zu den retropharyngealen Lymphknoten sowie zu den Lymphknoten der Regionen II und V. Häufiger noch als das Plattenepithelkarzinom ist das lymphoepitheliale Karzinom des Nasenrachens mit einem außerordentlich frühen und nahezu regelmäßigen Befall der regionalen Lymphknoten [50].
Der Lymphabfluß der Tonsilla palatina und des Zungengrundes erfolgt weit überwiegend direkt zu den Lymphknoten der Regionen II [35], vereinzelt aber auch über Kollektoren, die zu den retropharyngealen Lymphknoten und zu den Lymphknoten der Region III drainieren. Als spezieller Aspekt zur lymphogenen Metastasierung von Oropharynxkarzinomen ist auf den wiederholt zu beobachtenden, vielfach aber auch okkulten Primärtumorsitz bei zystisch regressiv veränderten Halslymphknotenmetastasen hinzuweisen, die als sog. Karzinom in einer lateralen Halszyste fehlgedeutet werden können [51].
Aus dem Hypopharynx fließt die Lymphe weit überwiegend über Kollektoren zu den Lymphknoten der Regionen II und III ab. Direkte Verbindungen zur Region I konnten nicht nachgewiesen werden, Kollektorverläufe in Region IV gehören zur Ausnahme. Der Lymphabfluß der Rachenhinterwand erfolgt meist überwiegend zunächst in retropharyngeale Lymphknoten, deren Lymphe über Kollektoren an die Lymphknoten der Regionen II und III weitergeleitet wird. So erklärt sich auch die mit über 40% angegebene hohe Metastasierungsrate des Rachenhinterwandskarzinoms in retropharyngeale Lymphknoten [48].
Die Lymphe der supraglottischen und größtenteils auch der glottischen Region fließt gemeinsam mit der Lymphe des kranialen Hypopharynxabschnittes größtenteils zu den Lymphknoten der Regionen II und III. Aus dem subglottischen Raum wird die Lymphe nach ventral durch das Ligamentum conicum und nach dorsal durch das Ligamentum cricotracheale geteilt. Die subglottische Lymphe fließt zu den Lymphknoten der Region III sowie zu den Lymphknoten der Region IV ab [51]. Die Metastasierungsrichtung der Larynxkarzinome entspricht in den meisten Fällen dem anfangs beschriebenen Abfluß in die Regionen II und III. Zur Metastasierungsfrequenz des Larynxkarzinoms soll vor allem darauf hingewiesen werde, daß extralaryngeal wachsende Karzinome wesentlich häufiger lymphogen metastasieren als endolaryngeale Karzinome [50].
Plattenepithelkarzinome der Haut machen einen Anteil von 20% der malignen kutanen Neoplasien aus, wobei die Mehrzahl der Tumore an der Haut des Kopfes auftritt. Karzinome der sonnenexponierten Haut führen in etwa 5% zu Lymphknotenmetastasen. Diese sind bevorzugt in Lymphknoten im Bereich Gl. parotis lokalisiert. Eine Sonderstellung nehmen Plattenepithelkarzinome der Ohrmuschel ein, für die Lymphknotenmetastasen in bis zu 11% beschreiben sind [34].
Die lymphogene Metastasierungsfrequenz maligner Melanome mit einer höheren Tumordicke (ab 4mm) wird mit Werten zwischen 19 und 32% [3,15,17] angegeben. Bei malignen Melanomen intermediärer Tumordicke (1,5-3,99mm) beträgt die Inzidenz von Lymphknotenmetastasen etwa 7% [16] und entspricht somit derjenigen anderer Körperegionen. Die lymphogene Gesamtmetastasierungsfrequenz maligner Melanome der Schleimhaut des oberen Aerodigestivtraktes wird zwischen 20 und 25% angegeben [13,38].
Speicheldrüsenkarzinome haben mit einer Inzidenz von 1/100000 Einwohner/Jahr einen Anteil von 7% an allen malignen epithelialen Kopf-Hals-Tumoren [29]. Die Häufigkeit regionärer Lymphknotenmetasen wird mit Werten zwischen 20 und 72% angegeben. Die Inzidenz regionärer Halslymphknotenmetasen ist unmittelbar an den histologischen Typ der jeweiligen Speicheldrüsenneoplasie gebunden [Zusammenstellung bei 51].
Chirurgische Therapie des Lymphabflusses im Kopf-Hals-Bereich
Erstmals berichtete Warren im Jahre 1847 üder den Versuch einer chirurgischen Krebsentfernung aus dem Hals [27]. Die erste detaillierte Technik einer Ausräumung von Lymphknoten aus dem submandibulären Dreieck im Sinne eines Zuganges zur operativen Behandlung des Zungenkarzinoms wurde 33 Jahre später durch Kocher beschrieben [24]. Es folgten weitere Mitteilungen über Lymphknotenausräumungen mit Resektion der V. jugularis interna durch Volkmann [49] sowie über kombinierte radikale Resektionen von V. jugularis interna und A. carotis durch Langenbeck [32]. Im Jahre 1888 führte der polnische Chirurg Franciszek Jawdynski [14,20] eine Operation durch, die aufgrund der Veröffentlichung in einer polnischen Zeitschrift sicher zu wenig Beachtung fand, jedoch zumindestens in 4 Fällen einer ausgedehnten radikalen Enbloc-Resektion entsprach wie sie 18 Jahre später ähnlich von Crile [9] beschrieben wurde.
Der entscheidende Fortschritt zur Behandlung der metastatisch besiedelten Halslymphknoten erfolgte durch Crile [9], der im Jahre 1906 die radikale Neck dissection beschrieb. Diese ist das Standardverfahren zur Ausräumung der Halslymphknotenregionen I-V mit gleichzeitiger Entfernung des M. sternocleidomastoideus, der V. jugularis interna und des N. accessorius. Basierend auf der Idee der "small-dissection", wie sie bereits 1944 von Silvestre-Begnis publiziert wurde [39], beschrieb Suarez 1962 erstmals die modifizierte radikale Neck dissection [40]. Hierbei erfolgt ebenfalls die Ausräumung der Halslymphknotenregionen I-V, allerdings unter Erhalt von einer oder mehrerer nicht lymphatischer Strukturen (N. accessorius, V. jugularis interna und M. sternocleidomastoideus). In den 80-er Jahren wurde das Konzept der selektiven Neck dissection bekannt. Hierbei werden eine oder mehrere Lymphknotengruppen belassen, die bei der modifiziert radikalen Neck dissection ausgeräumt werden. Die am häufigsten durchgeführten selektiven Neck dissection Formen sind die supraomohyoidale Neck dissection (Regionen I-III), die anterolaterale Neck dissection (Regionen I-IV), die laterale Neck dissection (Regionen II-IV) sowie mit gewissen Einschränkungen die posterolaterale Neck dissection (Regionen II-V) und die Dissektion des vorderen Kompartiments, bei der die Region VI ausgeräumt wird.
Die Planung des individuellen Behandlungskonzeptes bei Vorliegen eines Plattenepithelkarzinomes der oberen Luft- und Speisewege wird in der Regel bestimmt von der Art der Primärtumortherapie. Im Falle eines chirurgischen Vorgehens richtet sich der Umfang der Neck dissection dabei nach der Primärtumorgröße und -lokalisation und ganz besonders nach dem Fehlen oder Vorhandensein von in der bildgebenden Diagnostik suspekter Lymphknoten. Während bei der Neck dissection eines sog. klinischen N+-Halses vielfach alle 5 Halslymphknotenregionen ausgeräumt werden, wird das Neck dissection Ausmaß beim klinischen N0-Hals kontrovers diskutiert. Einige Gruppen empfehlen hierfür ein sorgfältiges Follow-up, während andere zur selektiven Strahlentherapie oder elektiven Neck dissection raten. Ein sorgfältiges Follow-up ist unmittelbar gebunden an eine hohe Compliance des Patienten und an die Möglichkeit bildgebender Diagnostik, d.h. an eine regelmäßige Ultraschalluntersuchung des Halses. Die wesentliche Gefahr dieser abwartenden Haltung besteht darin, daß die okkulten Metastasen durch einen gelegentlich zu beobachtenden Wachstumsschub in einen schließlich inoperablen Zustand geraten. Darüber hinaus kann eine Lymphknotenmetastase als Ausgangspunkt zur weiteren Tumordissemination in andere Lymphknoten oder Organe dienen.
Einer elektiven Neck dissection wird entgegengehalten, daß bei einem niedrigen Risiko des Vorliegens okkulter Metastasen ein großer Anteil der Patienten (70-80%) unbegründet operiert wird. Im Rahmen dieser Operation könne es zur Zerstörung eines intakten, als Barriere gegen die Krebserkrankung dienenden Lymphknotensystems kommen. Weiterhin werden gegen eine elektive Neck dissection deren, die Patienten beeinträchtigenden, behandlungstherapeutischen Komplikationen sowie die erhöhte Morbidität und Mortalität vorgebracht, die allerdings bei selektiven Neck dissection Formen gering ist. Ein Vorteil der elektiven Neck dissection gegenüber der Strahlentherapie ist darin zu sehen, daß die histopathologische Aufarbeitung des Neck dissection Präparates eine wichtige Information zu Therapieentscheidungen und zur Prognose, auch im Sinne einer Staging-Untersuchung, geben kann [51].
Die durch eine elektive Strahlentherapie des Halses hervorgerufene locoregionale Morbidität ist gering. Demgegenüber kann eine Strahlentherapie aber einen systemischen Effekt auf das Immunsystem haben. Schließlich ist nach der Strahlentherapie gelegentlich eine zum Teil ausgeprägte Fibrose zu beobachten, die wiederum die Beurteilbarkeit hinsichtlich des Auftretens von Rezidivmetastasen einschränken kann. Ein weiteres Argument gegen die elektive Strahlentherapie besteht in der dadurch deutlich eingeschränkten Behandlungsmöglichkeit eventueller Zweitkarzinome, die sich - je nach Autoren - bei 10-40% der Patienten metachron entwickeln [51].
Das wachsende Bestreben Patienten ein eventuelles Übermaß an chirurgischer Behandlung zu ersparen, schlug sich in der Vergangenheit auch bei anderen onkologischen Behandlungskonzepten nieder. Ein besonders eindrucksvoller Wandel vollzog sich bei der Therapie von Patientinnen mit Mammakarzinomen. Das gegenwärtige Bemühen, auch das Ausmaß der chirurgischen Therapie des Lymphabflusses bei klinische nicht vermuteter lymphogener Metastasierung zu reduzieren, erfolgt vor allem unter Einbeziehung des sog. Sentinel Node Konzeptes [2,46,47].
Sentinel Node Konzept
Das Sentinel Node Konzept wurde erstmals 1977 durch Cabanas [8] für das Plattenepithelkarzinom des Penis beschriebenen. Es geht davon aus, daß die lymphogene Metastasierung eines malignen Prozeßes über einen erstdrainierenden Lymphknoten im Abflußgebiet des Primärtumors, den sogenannten "Sentinel Node" (Wächterlymphknoten), ihren Weg nimmt und von diesem ausgehend die weitere lymphogene Metastasierung erfolgt. Das Vorhandensein eines solchen erstdrainierenden Lymphknotens im Abflußgebiet des Primärtumors läßt im Frühstadium der lymphogenen Metastasierung die erste Metastase in diesem Lymphknoten erwarten.
Die Darstellung des Sentinel Node erfolgt entweder mittels alleiniger Farbstoffinjektion (Blue Dye), alleiniger Applikation eines an Technetium gekoppelten Radiopharmazeutikums, dessen Anreicherung intraoperativ mittels einer Gamma-Sonde nachgewiesen werden kann oder durch eine Kombination beider Verfahren. Nach Untersuchungen an repräsentativen Patientenkollektiven liegen die Identifikationsraten der Sentinel Lymphonodektomie beim Mammakarzinom und beim malignen Melanom je nach verwendeter Methode bei 83-99% mit falsch-negativ Raten zwischen 0-6% [1,2,7,10,46,47].
Zum Plattenepithelkarzinom der oberen Luft- und Speisewege gibt es nur sehr wenige Mitteilungen zur Sentinel Lymphonodektomie an kleinen und inhomogenen Patientenkollektiven [2,23,30]. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang zunächst ein 1996 veröffentlichte Einzelfallbeschreibung einer mittels Aktivitätsnachweis gesteuerten intraoperativen Sentinel Lymphono dektomie bei Vorliegen eines die Mittellinie überschreitenden supraglottischen Karzinoms [2]. Zwei Jahre später wurden die Ergebnisse zur mit Aktivitätsnachweis geführten Sentinel Lymphonodektomie an 5 Patienten [23] sowie zur Darstellung des erstdrainierenden Lymphknotens mit Hilfe der Farbstoffinjektionsmethode an 16 Patienten [30] berichtet. Vor diesem Hintergrund werden an der Marburger Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde umfangreiche Untersuchungen zur kritischen Überprüfung des möglichen Stellenwertes der Sentinel Lymphonodektomie im Sinne eines intraoperativen Staging-Verfahrens zur Ausmaßbegrenzung einer Neck dissection bei Vorliegen eines Plattenepithelkarzinoms im Kopf-Hals-Bereich durchgeführt. Die ersten Ergebnisse weisen auf eine Eignung des SN-Konzeptes auch im Kopf-Hals-Bereich hin [55]. Aufgrund der in diesem Gebiet typischen hohen Lymphknotendichte und der geringen Distanz zwischen Injektionsort und erstdrainierender Lymphknotenstation hat die transkutane Identifikation des SN beim Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich wahrscheinlich keine nennenswerte Bedeutung. Die in eigenen Untersuchungen erarbeitete intraoperative Meßmethode ermöglicht demgegenüber die Identifikation des Sentinel-Lymphknotens.
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